Am Beginn der bildenden Kunst steht das Bedürfnis des Menschen, einer höheren Macht Gestalt zu verleihen. Das Kultbild oder, weiter gefasst, die künstlerische Umsetzung und Verbildlichung des Göttlichen hat zu allen Zeiten Maler und Bildhauer beschäftigt. Auch die Kirchen in der altbayerischen Residenzstadt Landshut geben Zeugnis davon.
Im Zuge der zunehmenden Säkularisierung unserer Gesellschaft änderten sich auch die Vorstellungen von der Verbildlichung des ‚Heiligen‘ – häufig in Distanz zu jeder Vorstellung eines mimetischen Abbilds. Der Raum, nicht das Artefakt, rückt in den Focus. Dies verknüpft die christliche Tradition des Abendlandes mit der der muslimischen Glaubenswelt, in der das Kultbild verboten ist, der Gebetsraum dagegen wesentliche Bedeutung hat.
Das Projekt ‚Brigitte Schwacke. Ephemere Erscheinung‘ bespielt von Mai bis Juni 2016 nun religions- und konfessionsübergreifend Sakralräume in Landshut.
Brigitte Schwacke, 1957 geboren, studierte als Meisterschülerin bei Sir Eduardo Paolozzi an der Akademie der Bildenden Künste München. Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, ihre Werke wurden unter anderem in München, Dresden, Köln, Berlin, Paris, Brüssel und London gezeigt.
Brigitte Schwacke zählt im europäischen Kontext zu jenen KünstlerInnen, denen es gelingt, Räume mit ihren Werken zu verändern, neu zu schaffen, zu öffnen und dabei die Grenzen zwischen Skulptur und Umgebung aufzulösen.
In der textilen Tradition des Verknüpfens und Verbindens wurzelnd, entstehen aus einem speziell legierten Draht weit ausgreifende dreidimensionale Raumzeichnungen als komplexe, vielteilige Decken- und Wandinstallationen.
STADTKULTUR, ein Netzwerk bayerischer Städte, organisiert 2016 unter dem Leitmotiv ‚GEWEBE‘ ein bayernweites Projekt, bei dem textile Traditionen Grundlage vielfältiger Veranstaltungen sind.
Brigitte Schwacke schuf für Sakralräume in Landshut Kunstwerke, die sich als imaginäres Netz über die Stadt legen und diese Orte des Glaubens miteinander verbinden. Kunst und Kirche, Konfessionen und Religionen, Menschen unterschiedlichster kultureller und religiöser Prägung kommen auf diese Weise miteinander ins Gespräch.
Mitglieder der evangelischen Gemeinde der Christuskirche und der muslimischen DITIB-Gemeinde haben über Monate hinweg ihre eigenen ‚Lebenserzählungen‘ in die Installationen eingearbeitet. Das Flüchtige der zarten, temporären Installationen korrespondiert im Austausch mit dem Ewigkeitsanspruch dieser Orte.
Die raumgreifenden, transzendenten Strukturen rücken von 5. Mai bis 10. Juli 2016 verschiedene Kirchen und Gebetsräume der Landshuter Innenstadt in neue Perspektiven. Der Grad der Intervention ist dabei sehr unterschiedlich: In einer Kapelle entfaltet sich ein gewaltig dimensioniertes, in seiner Erscheinung dennoch transparentes Gebilde. In einem anderen Sakralraum wiederum wird der Wanderer zwischen Epochen, Konfessionen und Räumen suchen müssen nach einer zarten Zäsur, die den Betrachter dazu bringt, seine Umgebung mit großer Aufmerksamkeit neu zu entdecken und dabei seine Sehgewohnheit zu hinterfragen.
Die fragilen Gebilde bringen fünf sakrale Orte in Beziehung zueinander: Die katholische Dominikanerkirche St. Blasius und die Magdalenenkapelle als Gruft des seit der Säkularisierung aufgegebenen Dominikanerordens beherbergen teils eigens für diese Orte geschaffene Arbeiten Schwackes.
Die evangelische Christuskirche an der Isar, in der die umfangreichste Arbeit des Projektes der ‚Lebenserzählungen‘ realisiert wurde, schlägt eine Brücke zur Moschee der DITIB-Gemeinde, wo in den Gebetsräumen von Männern wie Frauen zarte ‚Din A 5‘ von der mit dem ungewohnten Werkstoff Draht verbrachten Zeit Zeugnis geben.
Eine Installation Brigitte Schwackes am ehemaligen Herzogskasten weist hin auf den verlorenen Ort der Landshuter Synagoge.
So vergegenständlichen sich in den Werken der Künstlerin imaginäre, buchstäbliche, emotionale und spirituelle Wege und Brücken in unserer Stadt. Zugleich regen die Installationen in einer zunehmend säkularisierten Welt zur intensiven, sinnlich erfahrbaren Auseinandersetzung mit religiösen Kontexten im interkulturellen Dialog ein.