Gebannt lauschen die Zuhörer dem jungen Mann, der vor ihnen sitzt und von einem Traum erzählt. Er heiße Josef, sagt er, und in der Nacht habe ihm ein Engel verkündet, dass seine Frau bald ein Kind gebären werde, dem er den Namen Jesus geben solle. Den Rest der Geschichte kennt jeder – allerdings meist aus anderer Perspektive. Aus der Sicht des Mannes erzählt, hält sie dann doch manche Besonderheit bereit. „Das ist typisch für die Geschichten, die in unserer Bibellesenacht vorgetragen werden“, sagt Monika Mehringer vom Fachreferat Kinderpastoral des Erzbistums München und Freising.
Am 28. September (19 bis 21 Uhr) findet die nächste, vom Bildungszentrum Kardinal-Döpfner-Haus veranstaltete Bibelerzählnacht statt, diesmal in der Kirche St. Michael in München. Die Veranstaltung ist der krönende Abschluss des diesjährigen sechstägigen Zertifikatskurses für „Bibelerzähler/innen“ mit dem Referenten Dirk Schliephake von der Hannoverschen Landeskirche und zugleich der Praxistest für die Teilnehmer. Jeder von ihnen wird in einem eigenen Raum eine Geschichte aus der Bibel zum Besten geben, die noch nicht jeder kennt – oder die aus einer ganz neuen Perspektive erzählt wird wie die Weihnachtsgeschichte aus Sicht von Josef oder gar eines der Tiere aus dem Stall. „Dadurch werden sie noch interessanter und lebendiger“, sagt Monika Mehringer, die den Kurs selbst erfolgreich absolviert und dabei viele schöne Erfahrungen gesammelt hat.
Biblische Texte sind Erlebnis- und Erfahrungsberichte, die von Menschen mit ihren Hoffnungen, Freuden und Nöten handeln und meist von Gottes Wirken erzählen. Das Bibelerzählen möchte diese Geschichten wieder lebendig werden lassen, und immer mehr Menschen wollen diese Kunst erlernen. Dabei sind es ganz unterschiedliche Motive, die sie zur Teilnahme an dem Kurs bewegen. Es sind Erzieherinnen dabei, Religionslehrer und Seelsorger, aber auch Menschen, die Märchen oder Sagen lieben und im Kurs mehr über die Kunst des Erzählens erfahren wollen. Dazu gehören die Grundlagen der Dramaturgie und des Storytellings, beispielsweise die Bedeutung des Helden für eine Geschichte oder warum eine Erzählung ohne Konflikte nur halb so gut ist. Vermittelt werden auch Erzähltechniken wie die Modulation der Stimme, Gestik und Mimik, bis hin zum Anfang und Ende einer guten Geschichte.
Nach der Bibellesenacht können die Erzähler über die Kinderpastoral des Erzbistums für einzelne Veranstaltungen in Pfarreien, Kindergärten, Schulen oder sonstigen Events gebucht werden. Außerhalb der Bibellesenacht kommen so in der Regel Kinder in den Genuss der Geschichten. Aber Vorsicht: „Die können schon mal kritisch nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben oder wenn die Story einfach zu kompliziert fürs Erzählen war“, sagt Monika Mehringer.
Ihre Abschlussgeschichte handelte übrigens von Simon, der die Heiligen Drei Könige auf ihrem Weg zum Jesuskind begleitete – und in der Bibel gar nicht vorkommt. Die Künstler und Gestalter des berühmten Dreikönigsfensters in der Münchener Frauenkirche haben ihn dort eigenmächtig eingefügt. Das habe ihr gefallen und zu ihrer Geschichte inspiriert. Darin heißt es: „Simon hält die Zügel fest in der Hand. Drei Pferde gleichzeitig festzuhalten ist für einen kleinen Mann wie ihn ganz schön schwer. Die drei Pferde sind ganz aufgeregt und ziehen und zerren und werfen ihre Köpfe hoch. Aber er steht fest auf dem Boden!“