Heinrich Kahlefeld wurde am 6. Januar 1903 in Boppard am Rhein geboren, er wuchs auf in Frankfurt am Main. Nach seinem Abitur 1921 studierte er in Innsbruck Philosophie und Theologie. Dort wurde er zum Dr. phil. promoviert mit einer Arbeit über Max Scheler. Er bat 1925 um Aufnahme in das Bistum Meißen, dessen Bischof Schreiber sein früherer Regens in Innsbruck war. Am 26. Juli 1926 wurde er zum Priester geweiht und setzte seine theologischen Studien in Freiburg und Tübingen fort.
In der Zeit um 1928 begegnete Kahlefeld im Umfeld seines Lehrers Karl Adam bereits den Themen, die sein späteres theologisches und literarisches Wirken bestimmten: der Bedeutung der Liturgie für das kirchliche Leben sowie der konkreten Gestalt und Geschichte des irdischen Jesus, das für seine exegetischen Arbeiten bestimmend wurde.
Schon als junger Mensch war Kahlefeld zur Jugendbewegung gestoßen. Stätte der Begegnung für diese Kreise war Burg Rothenfels am Main. Er wurde Mitarbeiter seines Lehrers und Freundes Romano Guardini, der Burgleiter von 1927 bis zur Schließung durch die Nationalsozialisten 1939 war. Kahlefeld wurde 1928 dessen Mitarbeiter und blieb ihm zeitlebens verbunden. Von 1949 bis 1959 war Heinrich Kahlefeld Burgleiter auf Burg Rothenfels.
„Für Heinrich Kahlefeld war die Mitarbeit auf Burg Rothenfels einer der wesentlichen Aufenthalte seines Lebens, aus dem er seiner inneren Ausrichtung nach nie mehr gewichen ist. Es ging um Gottesdienst und Liturgie und darin um das Herzstück der Liturgie: um die Feier der Eucharistie. Die Feier der Eucharistie war für ihn die Eröffnung des Raumes – zur Versammlung der Menschen – für das Erfassen der Dienste. Dies war der Dienst, wie er ihn in Mitarbeit mit Romano Guardini für sich selbst begriff und von Burg Rothenfels aus übte: der Dienst am Wort! Heinrich Kahlefeld widmete sich mit Liebe und Leidenschaft der Erschließung der Heiligen Schrift, voran des Neuen Testaments. Von dort bezog er Wissen und Kraft zur Verkündigung des Evangeliums.“ (aus: H. Seifermann: In Memoriam Heinrich Kahlefeld, S. 39-41)
„Heinrich Kahlefeld hat grundlegende Arbeit getan in der Besorgung deutscher Texte und entsprechender Singweisen zur Feier der Liturgie. An der Neugestaltung der großen Gottesdienste der Karwoche mit Ostern sowie an den übrigen Hochfesten des Jahres und bei der sonntäglichen Feier der Eucharistie in der Gemeinde war er von Anfang an maßgeblich beteiligt. In allen Phasen der Entwicklung hat er sie entscheidend mitgeprägt, bis sie dann schließlich, im Zweiten Vatikanischen Konzil von der Kirche offiziell anerkannt, allgemein zum Durchbruch kam.“ (Hermann Seifermann S. 40)
In Innsbruck fand sich ab 1925 ein Kreis von Freunden zusammen, die gewillt waren, im späteren Dienst als Priester die Aufgaben der Seelsorge gemeinsam anzugehen. Dieser Kreis suchte früh nach einer gültigen Gestalt. Es war das Oratorium des heiligen Philipp Neri.
Im Oktober 1928 wurde Kahlefeld Kaplan in Leipzig, ab Wintersemester 1929 erhielt er einen Lehrauftrag für katholische Religionslehre an der Leipziger Universität. 1930 gehörte er zu den Gründern des Leipziger Oratoriums. 1936 wurde von Leipzig aus ein zweites Haus in Berlin gegründet. Dorthin ging er 1939 auf Anraten seiner Mitbrüder, als er 1939 in Zusammenhang mit dem Attentatsversuch auf Hitler in München einige Monate in Schutzhaft genommen wurde und blieb dort bis zu seiner Einberufung als Sanitätssoldat 1943. In Frankreich geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Einige Mitbrüder des Oratoriums in Leipzig kehrten nach dem Krieg nicht mehr dorthin zurück, sondern trafen sich in München, wo sie die Gründung eines neuen Oratoriums vorbereiteten.
Nach der formellen Errichtung des Oratoriums in München im Jahr 1954 wurde Heinrich Kahlefeld dessen erster Superior. Diesem Oratorium wurde ebenfalls 1954 von Kardinal Wendel die neugegründete Pfarrei St. Laurentius übertragen. Wesentliche Aufgabe war der Bau eines Gotteshauses, das in seiner Gestalt das Liturgie- und Gemeindeverständnis der Oratorianer deutlich macht.
Kahlefeld war Gründungsmitglied der „Liturgischen Kommission“ im Jahr 1940, einer der Mitbegründer des Liturgischen Instituts in Trier sowie Mitglied der Perikopenkommission des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er war maßgeblich an der Planung und Leitung des Instituts für Katechetik und Homiletik beteiligt.
Bleibend für seine Arbeit sind die Bemühungen um die Liturgiereform, die bereits auf seine Leipziger Zeit zurückreichen und mit der Kirche in St. Laurentius in München eine neue Form des Kirchenbaus begründeten, die erst im 2. Vatikanum offiziell anerkannt wurden. Ebenso bleibend sind seine Umsetzungen des Gregorianischen Chorals in eine der deutschen Sprache adäquaten Form auf der Basis der Psalmübersetzungen von Romano Guardini. Daneben blieb das Thema der Glaubensverkündigung in Wort und Schrift sein beständiges Anliegen, wie die Bücherliste deutlich zeigt.
Heinrich Kahlefeld starb am 5. März 1980 und ist auf dem Friedhof der Oratorianer in St. Laurentius in München begraben.
Quellen:
Andreas Poschmann:
Das Leipziger Oratorium, Liturgie als Mitte einer lebendigen Gemeinde,
Benno-Verlag Leipzig 2001
Hermann Seifermann:
In memoriam Heinrich Kahlefeld, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1980
Uns geht es in dieser Arbeit um die Jesustradition, das heißt um die authentischen Überlieferungen der Synoptiker über die Handlungen, die Reden und das Schicksal Jesu. Die Gestalt des verherrlichten Christus wird ja erst deutlich und anredbar und erhält ihre Konturen durch die Erkenntnisse, die wir von Jesus von Nazaret gewinnen. Man muß die Gestalt des irdischen Jesus in den Blick bekommen, um sagen zu können: da ist bereits grundgelegt, was nach der Erweckung von Christus gesagt werden kann. (H. Kahlefeld: Die Gestalt Jesu in den synoptischen Evangelien, Klappentext)
… Muss man auf Grund der Funktionsgesetze des Kultes nicht verlangen, dass die Musik dem Wort zugeordnet sei und nicht etwa das Wort sich unterwerfe und es gebrauche, um sich selbst zu steigern …, ferner, dass sie den Wortlaut so klar vortrage, dass er als Sprache gehört und als Aussage empfangen werden kann? Es geht darum, nicht etwa ein Werk der Musik hinzustellen, abgerundet in sich, und es dann als Kostbarkeit Gott zu verehren, sondern darum, im musikalischen Geschehnis selbst sich zu Gott hinüber zu bewegen. Darum muss die Musik im Gottesdienst von ihrer Anlage her bereits „nach oben offen“ sein …. (Burgbrief Rothenfels 1951)
(ausgewählte Veröffentlichungen)
Übertragungen von Liturgiegesängen ins Deutsche
Deutsche Komplet, Vespern, Metten 1934
Gregorianische Singmesse, Kösel-Verlag 1936
Deutsche Auferstehungsfeier, Werkbundverlag Würzburg 1939
Der Kreuzweg des Herrn, Werkbundverlag Würzburg 1951
Johannespassion, Kösel Verlag, München 1953
Gesänge für den Gottesdienst, Kösel Verlag München, 1932 - 1979
Exegetische Arbeiten
H. Kahlefeld: Der Jünger, Eine Auslegung der Rede Lk 6, 20-49, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1962
H. Kahlefeld: Gleichnisse und Lehrstücke im Evangelium, Band I und II, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1963
Helmut Kuhn, Heinrich Kahlefeld, Karl Forster: Interpretation der Welt, Festschrift für Romano Guardini zum 80. Geburtstag, Echter Verlag, Würzburg, 1965
Inge Klimmer: Lectio brevis, Aus Ansprachen von Heinrich Kahlefeld, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1972
H. Kahlefeld, O. Knoch: Die Episteln und Evangelien der Sonn- und Festtage, Verlag Josef Knecht, 1969 – 1973 mit Ergänzungsbänden für Taufe und Firmung, Ehe und Familie, Kirchliche Dienste 1973 - 1975
H. Kahlefeld: Der Brief nach Philippi, Verlag Josf Knecht, Frankfurt, 1975
H. Kahlefeld: Orientierung am Evangelium, Lectio brevis, Neue Folge, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1976
H. Kahlefeld: Betlehem, Gedanken um die weihnachtlichen Evangelien, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1977
H. Kahlefeld: Schriftauslegung dient dem Glauben, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1979
H. Kahlefeld: Das Abschiedsmahl Jesu und die Eucharistie der Kirche, Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1980
H. Kahlefeld: Die Gestalt Jesu in den synoptischen Evangelien, (aus dem Nachlaß) Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1981
H. Kahlefeld: Christus inmitten der Gemeinde – die Kontemplation des Erhöhten im Gottesdienst, (aus dem Nachlaß), Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1983
Heinrich Kahlefeld: Kleine Schriften, Aufsätze aus den Jahren 1959 – 1979, (aus dem Nachlaß), Verlag Josef Knecht, Frankfurt, 1984
Der geordnete Nachlass Kahlefelds befindet sich im Münchener Oratorium. Seine vollständige Bibliographie wurde von Agnes Bohlen in 17 Bänden dokumentiert.