„Das Feuer des heiligen Philipp Neri – darf ich es Ihnen reichen?“, oder „Haben Sie schon mal vom Oratorium gehört?“, mit solchen Worten und der Zündholzschachtel mit Infoaufdruck vom Oratorium als Geschenk in der Hand begannen oft interessante Gespräche am Messestand der Deutschen Föderation des Oratoriums während des 2.Ökumenischen Kirchentages in München. Menschen auf ihrem Weg durch die Messehallen aufmerksam zu machen auf das Oratorium und den heiligen Philipp Neri, den „Spaßvogel Gottes“ - das gelang auf ganz unterschiedliche Weise, auch durch Pantomime und Jonglieren. Eintauchen in Welt Philipps konnte man schon durch die Gestaltung des Messestandes, der dem Innenhof des römischen Oratoriums nachempfunden war, inklusive eines Orangenbaumes. Der war einst für Kardinal Henry Newman das Erkennungszeichen der erfrischenden Spiritualität Philipps.
„Oratorium, das kenne ich von Bach“, meinten nord- und mitteldeutsche Kirchentagsbesucher. Sie waren erstaunt zu erfahren, dass der Begriff Oratorium zunächst vom Gebetsraum stammt, in dem sich Philipp Neri in Rom abendlich mit jungen Menschen versammelte zu Gebet, Schriftlesung, Gespräch und Musik. Später nannte sich diese Gemeinschaft aus Laien und Priestern Oratorium. Durch Musiker wie Palestrina entwickelte sich aus den Gesängen des Oratoriums die musikalische Gattung, bis hin zu Bachs Oratorien.
In Gesprächen fragten viele nach der Form und der Aufgabe des Oratoriums heute und horchten auf, als sie vom Oratorium als Lebensform in Gemeinschaft erfuhren, gerade angesichts der Strukturreform in den deutschen Diözesen und der Vereinzelung der Priester. Sogar Professoren der Theologie fanden an unserem Stand eine Erfrischung für Leib und Seele. Das fröhliche gemeinsame Auftreten (im schwarzen Oratorianer-Poloshirt) von Oratorianern und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Oratorien in München, Leipzig und Heidelberg führte bei einer Kirchentagsbesucherin aus Rügen zu der Aussage: „Das ist ja schön, dass bei der katholischen Kirche im Oratorium auch Frauen gleichberechtigt mitmachen können.“
Die Art und Weise, wie Philipp Männer und Frauen im Gebet versammelte, kam auch im Abendoratorium mit dem Thema „Erfrischende Quelle – Philipp Neri, der fröhliche Heilige“ in St. Laurentius zum Ausdruck. In der von Kerzenlicht erhellten Kirche, eingerahmt von Musik und Gesang, wurden die anthropologischen Bilder des Psalm 1 szenisch erschlossen. Und wie damals in Rom, so klang auch dieser Abend bei Brot und Wein, bei Gesprächen und der Freude am Zusammensein aus.
Überhaupt wurde die Gastfreundschaft während des Kirchtages zu einem Markenzeichen von St. Laurentius: Sieben Oratorianer und drei belgische Philipps-Schwestern, 35 Erwachsene und 30 Jugendliche aus den Pfarreien der Oratorianer in Deutschland waren in unserer Pfarrei zu Gast, teils bei uns im Haus, im Gemeinderaum und in den 16 Gastfamilien. Die Bewirtung der Gäste am Begrüßungsabend, am Fest Christi Himmelfahrt, beim Abendoratorium und in unserem Haus, wo an manchen Tagen 12 Gäste am Mittagstisch saßen, trug wesentlich zum Gemeinschaftserlebnis während des Kirchentages bei.
Akzente, die das Geistliche Zentrum in St. Laurentius während des Kirchentages setzte, waren die Eucharistiefeier am Fest Christi Himmelfahrt, die Vesper und die Geistliche Abendmusik mit Texten aus der Tradition des hl. Philipp Neri, die Lichtvigil und das Abendoratorium. All diese Veranstaltungen haben die spirituelle Prägung und Vielfalt der Oratorien der Deutschen Föderation gezeigt. So war der 2. Ökumenische Kirchentag für die Oratorien Deutschlands ein erstes gemeinsames Unternehmen auf dem Weg zum Katholikentag in Mannheim 2012. Der fröhliche und so tief im Glauben verwurzelte Geist Philipp Neris hat Menschen entzündet, nicht nur in St. Laurentius.
Raphael Steinke