In diesem Jahr feiert Neuperlach sein 50-jähriges Bestehen, eine Geschichte, an der die Kirche von Anfang an beteiligt war. Den Auftakt machte die Pfarrei St. Jakobus, vier weitere Gemeinde folgten. GEMEINSAM berichtet in dieser und den nächsten Ausgaben, wie es begann.
Was mag es für ein Gefühl gewesen sein, als einer der ersten Bewohner Neuperlachs zum ersten Gottesdienst am 23.2.1969 in der hölzernen Behelfskirche der Kuratie St. Jakobus zu erscheinen? Welche Aufbruchsstimmung mag geherrscht haben, wo alles andere noch so ungewohnt neu, unfertig, provisorisch war? Da die Mehrheit der Wohnungen Sozialwohnungen waren, kamen überwiegend junge Familien zum Zuge, die das Gesicht der größten Trabantenstadt der deutschen Geschichte prägen sollten. Darunter auch viele sozial schwächere Familien, deren Nöte und Bedürfnisse die entstehende Kirchengemeinde von Anfang an ernst nehmen wollte.
Die Geschichte Neuperlachs ist ohne die Geschichte der fünf katholischen Gemeinden, die in der Pfarrgemeinde Christus Erlöser aufgegangen sind, für viele Bewohner unvorstellbar. Bereits am 1. 10. 1968, als gerade die ersten Mieter ihre Wohnungen bezogen hatten, wurde Kurt Gartner mit der Errichtung einer Kuratie im neuen Stadtteil beauftragt. Er brachte zwei weitere Seelsorger mit, die Kuraten Toni Merkle und Wolfgang Marx; wenig später folgte schließlich noch Kurat Erich Schmucker. Sie hatten Regionalbischof Tewes gebeten, gemeinsam oder jedenfalls ortsnah beieinander eingesetzt zu werden, um ihre schon im Freisinger Seminar gegründete Priestergemeinschaft weiter leben zu können.
Noch aber gab es weder Pfarrhaus noch Kirche. So bezog Kurat Gartner mit seiner Haushälterin und Pfarrsekretärin Franziska Hufmann 1969 zunächst zwei kleine, gegenüberliegende Wohnungen in der Nawiaskystraße 15, die beiden weiteren Kuraten eine Wohnung in der Plettstraße 9. In der Behelfskirche gab es zwei zugige Nebenräume, im Winter kalt, im Sommer heiß. Im Sommer 1971 konnten schließlich zwei Erdgeschosswohnungen am Adolf-Baeyer-Damm 8, die bisher der Laetare-Gemeinde gedient hatten, von Jakobus übernommen werden. Dort trafen sich bald die vielen Gruppen, die sich zum Aufbau kirchlichen und caritativen Lebens gegründet hatten. Weitere Räume durften im Laetarezentrum genutzt werden, aber auch im Brauchle-Altenheim.
Pfr. Gartner hörte Passanten vor der neuen Behelfskirche sagen: eine Kirche können‘s bauen, einen Kindergarten nicht. Offensichtlich bestand enormer Bedarf. Rasch entstand ein erster Kindergarten, wegen der Bausituation nicht direkt auf Jakobusgrund, sondern zunächst am geplanten Standort der zweiten kath. Kirche im Bauabschnitt Nord-Ost an der Kurt-Eisner-Str. Dessen vier Gruppen wurden mit je 40 Kindern am 1.9.69 nach sozialen Kriterien besetzt. Schweren Herzens mussten viele Bewerber abgewiesen werden.
Überhaupt Kinder. Sie bestimmten zwischen den zarten Bäumchen der noch sehr grauen Abstandsflächen und auf nach heutigen Maßstäben spartanisch ausgestatteten Spielplätzen das Bild. Und der zum 25.9.72 hinzugekommene Kurat Erich Schmucker als ehemaliger Tölzer Knabenchormann nahm sich mit einigen engagierten Katechetinnen beherzt dieses enormen Arbeitsfeldes an. Wie der Rattenfänger von Hameln zog er traumtänzerisch sicher Kindermeuten hinter sich her. Der Kindergottesdienst – wirklich nur für Kinder – um 9.00h zog allsonntäglich über gut 150 Kinder – darunter auch den Verfasser – an. Im Jahr 1976 war mit 258 (!) Kommunionkindern der Höhepunkt erreicht. 44 Vorbereitungsgruppen konnten gebildet werden, die sich mal in den Wohnungen der ehrenamtlichen Kommunionmütter, mal im Gemeindezentrum trafen. In diesem Jahr kamen 500 Kinder zum Kinder- und 300 Jugendliche zum Jugendfaschingstreiben. Im Folgejahr zählte man 187 Firmlinge. Und mit den Kindern kamen auch die Eltern. 800 Gottesdienstteilnehmer wurden 1976 sonntags gezählt.
Neben der Kindergartenfrage war auch die soziale Frage Schwerpunktthema der jungen Gemeinde. Der bereits im Dez. 69 gegründete Soziale Arbeitskreis organisierte neben Einzelfallhilfen und Besuchsdiensten Tagesausflüge für die vielen sozial benachteiligten Familien, die Seniorenrunde und der Frauenkreis entstanden. Eine kirchliche Beratungsstelle für Ehen und Familien öffnete in der Plettstraße. 15 seine Türen.
Vor allem aber das gegenseitige Kennenlernen im noch ungewohnt neuen Stadtteil wurde gefördert. Erste Feste fanden im Pfarrsaal in St. Michael, bald auch in der Laetaregemeinde statt. Der Arbeitskreis Feste und Feiern sollte über Jahrzehnte zur Institution werden. Ein Bastel- und Singkreis entstand. Der Adventsverkauf erstreckte sich über drei Adventssonntage hintereinander.
Der Bau des Gemeindezentrums band den ersten berufenen PGR, die KV und vor allem den AK Neubau. Ganz im Geist der damaligen Zeit gab das Baureferat den Kubus als Form vor. Die Gemeinde wollte integrierte Gruppenräume, um den Zusammenhang von Leben und Liturgie zum Ausdruck zu bringen. In der Zeit der Würzburger Synode war innerkirchliche Demokratie am Zenit angekommen. Zäh durfte um ein gemeinsames Ergebnis gerungen werden, mit dem - wie dabei üblich - am Schluss keiner ganz zufrieden war. Architekt Eisele sah schließlich nur 10% seiner eigenen Ideen verwirklicht. Nach der Grundsteinlegung durch Weihbischof Tewes am 2.12.1972 erfolgte die denkwürdige Weihe am 8.12.1974 durch Kardinal Döpfner. Unvergessen seine Bußpredigt am Vorabend der Weihe. Dies zu Beginn des Hl. Jahres 1975 als Ausdruck einer Kirche, die bis zur Selbstaufgabe mitten unter den Menschen sein will. Neuartig das fünfstöckige Pfarrhaus, das neben der Priestergemeinschaft auch viele der kirchlichen Mitarbeiter und deren Familien aufnehmen sollte.
In seiner Predigt am Vorabend der Kirchweihe forderte Kardinal Julius Döpfner eindringlich auf, sich „wirklich hineinzubegeben in die große Liebe, in diese Hingabe zu den Menschen, die Christus uns vorgelebt hat.“ Und vor dem Altarbild des barmherzigen Vaters bekannte er: „Dann stehen wir wieder vor ihm und begreifen nichts und erfahren unsere ganze Gebrechlichkeit, unsere ganze Armseligkeit und müssen uns wirklich an ihn hinkuscheln wie hier der verlorene Sohn an den Vater, der ihn gar nicht reden lässt, der ihm entgegenläuft, der alte Mann, und der ihn an sich zieht und dann ihm seine Barmherzigkeit erzeigt.“ Abschließend wünschte er den Mitgliedern der jungen Gemeinde, “dass die Freude, ein Jünger Christi zu sein und zur Gemeinschaft solcher zu gehören, die dem Herrn nachfolgen, die prägende Kraft der Gemeinde St. Jakobus sei.“
Normalkatholizismus war nicht Pfarrer Gartners Ding. Spätestens nach dem mehrmonatigen Besuch einer Priesterschule der jungen Fokolarbewegung 1973 in Rom verfolgte er das Ziel, aktivere Formen des Glaubenslebens – zum Beispiel in „Hauskirchen“ – einzuführen. Längst nicht alle Gemeindemitglieder waren bereit, ihm dabei zu folgen. Viele warfen ihm eine Spaltung der Gemeinde vor. Diejenigen, die nicht mitgehen wollten oder konnten, fühlten sich zurückgesetzt. Diejenigen die sich auf diesen Weg einließen, fanden im gemeinsam gelebten Glauben eine enorm vertiefte und bereichernde Gemeinschaftserfahrung, deren Auswirkungen bis heute in Christus Erlöser spürbar sind.
Eine Chronik ganz ohne Namen? – Es wären zu viele – und sie wären ja doch nie vollständig. In Gottes Hand sind sie alle eingeschrieben, die am Aufbau der jungen Pfarrei, seines Reiches mitgewirkt haben.
Klaus-Peter Jüngst