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Chronik von St. Philipp Neri

München - Neuperlach


St. Philipp Neri – ein unscheinbarer Bau, eine aufregende Pfarrei

Leopold Haerst im Gespräch mit Pfr. Wolfgang Marx

Herr Pfr. Marx, Sie kamen schon 1969 nach Neuperlach, als von der Pfarrei St. Philipp Neri noch gar nicht die Rede war. Kamen Sie gerne in dieses riesige Neubaugebiet?
So eine Baustelle hat durchaus ihren Reiz: da fängt was Neues an, da ist noch nichts festgefahren. Da ist also nicht nur Unsicherheit, da ist auch viel Offenheit. Und ich kam ja nicht alleine: Mit mir kamen zwei befreundete Priesterkollegen: Kurt Gartner und Anton Merkle, später (1972) noch Erich Schmucker. Wir hatten uns ein gemeinsames Arbeitsfeld gewünscht, wo wir als Priestergemeinschaft miteinander leben und wirken konnten. Allerdings wohnten wir zunächst noch in verschiedenen Mietwohnungen. Dann wurde aber 1974 in St. Jakobus ein Haus mit kirchlichen Dienstwohnungen fertig, wo wir gemeinsam unterkamen. Dort hatten wir einen Wohnbereich, wo wir uns regelmäßig trafen – zu den Mahlzeiten, zum Gebet und zum dienstlichen, wie auch persönlichen Gespräch. In der kirchlichen Aufbruchbewegung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war das für mich ein inspirierender Ort, wo ich mich wohlgefühlt habe.

Wann und wie ging es dann mit der Pfarrei St. Philipp Neri los?
Das war im März 1972, als ich mit dem Aufbau dieser Pfarrei im dritten Bauabschnitt von Neuperlach beauftragt wurde. Und da bot sich mir, bzw. der Kirchenstiftung eine einmalige Gelegenheit: Das Baureferat des erzbischöflichen Ordinariates hatte das Modell eines Pfarrzentrums in der Schublade, das den Gemeinden in einem größeren Seelsorgebezirk einen zentralen, großen Mehrzweckraum mit weiteren Gruppenräumen bot. Dieses Modell war zwar sehr nüchtern, aber es entsprach unserem Konzept von Gottesdienst und Versammlung unter einem Dach. Und vor allem war es sofort realisierbar, sodass wir bereits ein halbes Jahr später, im Oktober 1972 mit dem Bau beginnen und im folgenden Jahr zunächst den Kindergarten und dann (Nov. 1973) das Pfarrzentrum einweihen konnten. Damit hatten wir, obwohl als dritte gestartet, noch vor St. Jakobus und St. Monika ein bezugsfertiges Pfarrzentrum.

Die Kirche: nüchtern, zurückhaltend, kein Kirchturm … Was haben sich die Architekten, was haben Sie sich selbst dabei gedacht?
In diesem Teil von Neuperlach wäre es kaum möglich gewesen, mit einem traditionellen Kirchturm die umliegenden Hochhäuser zu überragen. Und das wollten wir auch nicht. Wir haben eher den Reiz des Kontrastes gesehen, gegen diese übermächtigen Wohnblöcke ein einfaches, flaches, funktionales Zentrum der Begegnung, der Gemeinschaft und des Gebetes zu sein.

Eine Besonderheit der Pfarrei Philipp Neri war und ist der dort beheimatete Neukatechumenat. Wie ist es dazu gekommen?
In unserer Priestergemeinschaft haben wir uns damals mit den verschiedenen geistlichen Aufbrüchen beschäftigt, zum Beispiel mit der Fokolar-Bewegung, dem Cursillo-Freundeskreis, mit der Paulusgemeinschaft oder den Gemeinschaften Jesus Caritas von Charles de Foucauld. Wir waren der Überzeugung, dass die traditionelle Seelsorge in einer säkularen Gesellschaft nicht mehr genügt. Eine bloße Versorgung der Gemeinde mit den Sakramenten und diversen seelsorglichen Diensten wird den anonymen Wohnverhältnissen einer Trabentenstadt nicht gerecht. Uns war es wichtig, Beziehungen zwischen den Menschen aufzubauen und neue Formen von Gemeinschaft zu initiieren.

Also hatten Sie den Neokatechumenat gar nicht von Anfang an im Blick?
Nein, auf die neukatechumenalen Gemeinschaften bin ich eher überraschend durch Josef Ratzinger gekommen, damals noch Theologieprofessor in Tübingen und dann in Regensburg: Er hatte in den frühen 70er Jahren über zwei seiner Studenten diesen neuen Weg der Tauferneuerung kennengelernt. Und da er Pfr. Gartner persönlich kannte, empfahl er unserer Priestergemeinschaft, diesen Weg der Glaubenserneuerung bei uns einmal zu versuchen. Da mein Mitbruder zu der Zeit mit der bevorstehenden Einweihung seiner Kirche voll ausgelastet war, erklärte ich mich bereit, die Katechisten, ein italienisches Ehepaar, in mein gerade fertig gestelltes Pfarrzentrum einzuladen.

Wie hat die Gemeinde auf diese Einladung reagiert?
Sehr unterschiedlich! Einige waren von Anfang an beeindruckt und haben in dieser ungewöhnlichen Verkündigung eine große Hoffnung für ihr persönliches Leben gesehen. Andere haben sie als Infragestellung ihres eigenen christlichen Lebens empfunden und sich davon distanziert. Das ist ihr gutes Recht, denn Gott lässt jedem seine Freiheit. Es genügt, wenn eine lebensfähige Gemeinschaft (20 bis 30 Personen) entsteht, die den Weg des Neukatechumenats beginnt. Erstaunlich ist, dass schon die Existenz einer solchen Gemeinschaft innerhalb der Pfarrei beunruhigend wirkt. Aber das soll so sein, denn genau das meint Jesus, wenn er sagt: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn bei den Jüngeren kaum noch Interesse an der Kirche besteht, dann liegt das daran, dass sich über unser angepasstes Christentum niemand mehr aufregt. Im Übrigen gab es diese Reaktion am Anfang aller Erneuerungsbewegungen in der Geschichte der Kirche, seien es die Franziskaner mit ihrem Armutsideal oder die Jesuiten in der Reformationszeit.

Wie sind Sie mit dieser Spannung umgegangen?
Ich habe mich bemüht, als Pfarrer beiden Seiten gerecht zu werden: den katechumenalen Gemeinschaften genügend Raum zu geben für ihre Treffen, aber auch für die anderen Christen in meiner Pfarrei da zu sein, mit ihnen Liturgie und Leben zu teilen. Konkret: Ich habe den Ehrenamtlichen und Aktiven in meiner Pfarrei gesagt: Was ihr macht, ist gut! Ich bin froh, dass es einen Familienkreis gibt, einen Seniorenkreis, Pfadfinder, Chor usw. Dabei war ich als Pfarrer schon voll ausgelastet. Denn an drei Abenden in der Woche war ich bei den neukatechumenalen Gemeinschaften, was auch für mich persönlich wichtig war. An den anderen Abenden bin ich zu den anderen Gruppen und Kreisen meiner Pfarrei gegangen. Aber ich habe auch sobald wie möglich nach Gemeinsamkeiten gesucht. Wir haben gemeinsame Fahrten – zum Beispiel nach Rom – organisiert. Die Kommunion- und Firmhelfer kamen aus der gesamten Gemeinde, nicht nur aus den „Gemeinschaften“. Und dann unsere erste Primizfeier 1992, da haben alle mitgemacht, mit vorbereitet und sich mitgefreut.

Hatte nicht auch der Stephanuskreis bereits zur Beruhigung beigetragen?
Ja, das war für mich wie eine Fügung Gottes. 1986 gründete Familie Fiutak in unserer Pfarrei den Stephanuskreis, der sich besonders um die Glaubensbildung von Erwachsenen bemüht und der später auch die „Exerzitien im Alltag“ angeboten hat. Das war eine wertvolle Alternative zum Neukatechumenat, die ich gerne unterstützt habe. Das hat vielen geholfen, sich in St. Philipp Neri zuhause zu fühlen.

Seit 1994 gibt es ein besonderes Gebäude im Pfarrsprengel von Philipp Neri, das „Katechumenium“, warum denn das?
Inzwischen hatten sich mehrere Gemeinschaften des Neukatechumenats gebildet, die sich 2x wöchentlich, am Mittwoch- und Samstagabend trafen. Dafür aber genügten die Räume in unserem Pfarrzentrum nicht mehr, zumal ja auch die anderen Veranstaltungen der Gemeinde ihren Platz brauchten. Wir hatten zwar eine gewisse Planungssicherheit erreicht, insofern die anderen Wochentage, Montag/Dienstag, Donnerstag/Freitag und natürlich der Sonntag, für die Gesamtpfarrei reserviert blieben. Aber für das Neukatechumenat – inzwischen gibt es bei uns 12 Gemeinschaften mit 25 bis zu 45 Mitgliedern, die Kinder nicht mitgezählt – war der Platz zu eng geworden. Und genau in dieser Zeit, 1994, wurde auf unserem Pfarrgebiet das Flugsicherungsgebäude in der Putzbrunnerstr. 124 frei. Für einen symbolischen Betrag konnten wir das Gebäude vom Bund mieten und in Eigenregie zu einem Begegnungszentrum umbauen. Für mich damals ein weiteres Zeichen der Hoffnung, dass Gott für jedes Problem eine Lösung hat und wir in St. Philipp Neri mit seiner Hilfe auf einem guten Weg sind.

Fazit: Ob nun das Kirchenzentrum St. Philipp Neri oder das Katechumenium – beide Gebäude erscheinen äußerlich eher funktional und unscheinbar, im Innern aber sind sie aufregend lebendig. Herr Pfr. Marx, wir danken Ihnen für das Gespräch.
 

 
Bildlegenden:
1.      Das Pfarrzentrum St. Philipp Neri in der Kafkastr. 17
2.      Kirche und Kindergarten 1974. Die ersten Bäume sind gepflanzt (Foto: Hindl)
3.      Primizfeier 2008, ein von sieben Priesterberufungen in St. Philipp Neri (Foto L. Fischer)
4.      Pfarrausflug nach Sachrang. Links Regina Strauß, PGR-Vorsitzende 1974-78, rechts Pfr. Marx
5.      Pfr. Marx im vollen Einsatz für seine Pfarrei (Foto: Hindl)
6.      Wolfgang Marx, Jahrgang 1935, Priesterweihe 1964
 
Eckdaten von St. Philipp Neri
März 1972: Errichtung einer Kirchenstiftung für St. Philipp Neri
25.11.1973: Einweihung der Pfarrzentrums
01.03.1973: Kanonische Erhebung zur Pfarrkuratie
24.03.1974: Erste Pfarrgemeinderatswahl
28.10.1974: Beginn der ersten „Katechese für Erwachsene“ (Neukatechumenat)
01.11.1978: Erhebung der Kuratie zur selbständigen Pfarrei
01.07.1984: Erste gemeinsame Fronleichnamsprozession der Neuperlacher Gemeinden
Okt. 1986: Gründung des Stephanuskreises
01.09.2009: Zusammenführung zur Pfarrei Christus Erlöser