Staatliches Bauamt

STAATLICHES BAUAMT MÜNCHEN 1
Pressemitteilung für den 01.04.2009

Dom zu Unserer Lieben Frau in München
Instandsetzung der Fassaden


Weithin sichtbar weist die Einrüstung des Nordturmes am Dom zu Unserer Lieben Frau auf bauliche Aktivitäten am Wahrzeichen der Landeshauptstadt München hin. Derzeit sind es noch vorbereitende Untersuchungen, um im Sommer mit den eigentlichen Sanierungsmaßnahmen an der Mauerwerksfassade beginnen zu können.

Anlass:
Seit Jahren veranlasst das Staatliche Bauamt München 1 im Frühjahr und im Herbst Befahrungen der Domfassaden mit LKW Arbeitsbühnen zur Begutachtung und Sicherung. Es wird auf loses Gesteinsmaterial und hohl liegende Flächen untersucht; lockere Teile werden abgenommen, und an schadhaften Stellen, insbesondere an den hauptsächlich gefährdeten Natursteingesimsen, werden Schutznetze angebracht.

Das erschreckend zunehmende Ausmaß der Schäden an der Fassade und auch an den Kirchenfenstern erfordern nunmehr eine intensive und voraussichtlich auch langwierige Sanierung.


Ursache:
Verwitterungsprozesse sowie eine starke Feuchteakkumulation im Kernmauerwerk schädigen die Fassadenoberfläche. Durch Risse dringt Feuchtigkeit ins Mauerwerk; Auswaschungen und Abplatzungen sind die Folge. Lockerungen im Gefüge sind zu erkennen. Die Natursteingliederungen sind zum Teil stark beschädigt. Teilweise haben die Ziegel die schützende Brennhaut verloren; Abschalungen und Absanden an der Ziegeloberfläche und ein Auswittern des Fugenbildes ist zu beobachten. An den Leibungen der Kirchenfenster, an den Rippen und am Maßwerk sind Rissbildungen und Abplatzungen, innen und außenseitig, festgestellt worden.


Planung der Vorgehensweise:
Das Staatliche Bauamt München 1 erarbeitet unter Mitwirkung der Dombauhütte Passau und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ein Programm zur langfristigen Erhaltung des historischen Bauwerks durch eine kontinuierliche Baupflege und einem dauerhaften, um- und nachweltverträglichen Bautenschutz.

Im Vorfeld waren die Kausalzusammenhänge zur Schadensentstehung und Schadensentwicklung zu klären. Grundlagen für ein tieferes Verständnis der baulichen und baugeschichtlichen Zusammenhänge wurden geschaffen, sowie eine Sammlung von Daten, die geeignet sind, die aktuellen Schadensmechanismen und deren Ursachen werten und verstehen zu lernen.

Eine photogrammetrische Bestandsdokumentation und Vermessung wurde durchgeführt, als Grundlage für die nachfolgende Kartierung von Zustand, Schäden und weiteren Befunden. Sie dient zur Vorbereitung und Planung der Restaurierungsmaßnahmen.

Zur Bestimmung der Feuchte- und Salzgehalte wurde eine geophysikalische Zustandsuntersuchung an den Fassaden der beiden Türme in Auftrag gegeben, ebenso weitere naturwissenschaftliche Laboruntersuchungen der verbauten Materialien.

Eine Methode zur Herstellung von Ersatzziegeln, wurde mit einem erfahrenen Ziegelhersteller erprobt. Daneben wurde die Suche nach einem möglichen Material zum Austausch von Architekturteilen aus Naturstein eingeleitet.

Eine umfangreiche Archivrecherche / Baudokumentation nach Dokumenten und Hinweisen zu den in der Vergangenheit durchgeführten baulichen Maßnahmen wurde erstellt und in einer Dokumentation zusammengefasst.


Musterachse 2006
Um Erkenntnisse über die verbauten Materialien und Einblicke in die am Bau wirkenden Schadensmechanismen zu erhalten, wurde ein Wandfeld des nördlichen Seitenschiffs als Untersuchungsachse ausgewählt und im April 2006 eingerüstet. Vom Bearbeitungsteam, dem auch ein Naturwissenschaftler und ein Diplomrestaurator angehören, konnten folgende Fragenkomplexe weitgehend geklärt werden:

- Die Untersuchung und Dokumentation der verschiedenen Bau- und Instandsetzungsphasen, der dabei jeweils verwendeten Materialien einschließlich der eventuell erkennbaren, handwerklichen Herstellungs- und Ausführungstechniken sowie der oberflächlich festzustellenden Schadensphänomene und Schadensintensität.

Erkannt wurden dort, neben der Erbauungszeit, 3 zeitlich versetzte Instandsetzungsphasen, die anhand der jeweils verwendeten Materialien definiert und zugeordnet werden konnten:

Bauphase 0 Erbauungszeit ca. 1468 - 1488,
Bauphase 1 Instandsetzungsphase zwischen 1890 und 1930,
Bauphase 2 Instandsetzungsmaßnahme nach dem 2.Weltkrieg ca. ab 1946,
Bauphase 3 letzte Sanierungsmaßnahme 1990 - 1996.

Hieraus ergab sich eine erste Einschätzung der Schadensursachen mit Fragen an den Naturwissenschaftler zu Materialverträglichkeiten und der Auswirkung von schadensverursachenden Inhomogenitäten.

- Eine Bestandskartierung der 4 erkennbaren Bauphasen mit den jeweils typischen Baumaterialien an der gesamten Untersuchungsachse wurde erstellt. Dies war auch wichtig, um Erkenntnisse zu den Flächen- und Masseverhältnissen der einzelnen Bauphasen zueinander zu gewinnen

- Eine Datensammlung nach naturwissenschaftlichen Analysen zu den technischen Kennwerten und den physikalisch-mechanischen Eigenschaften der verbauten Materialien einschließlich Analysen zu den Materialkomponenten (Rezepturen) sowie

- eine Datensammlung zu den feststellbaren Schädigungsursachen etwa aus Salzbelastung oder früheren restauratorischen Maßnahmen wurde eingerichtet.

Die Sammlungen sollen im Rahmen der zukünftigen Restaurierungsmaßnahmen ständig erweitert und konkretisiert werden, um Kausalzusammenhänge im Zusammenwirken von Materialien, Materialkontakten, früheren Maßnahmen, mikroklimatischen Einflüssen und Exposition immer besser verstehen zu lernen und beurteilen zu können.

Schließlich befindet sich ein Monitoring-Systems in der Entwicklung. Es soll im Zusammenhang mit den Maßnahmen am Nordturm in diesem Jahr installiert werden, um später eine effektive Erfolgskotrolle durchführen zu können.
Sanierungsziel:
Mit Rücksicht auf den Rang der Frauenkirche als Wahrzeichen Münchens, sowie als eine der bedeutendsten Leistungen der Sakralkunst der Spätgotik, werden die Fassaden des Doms Zu Unserer Lieben Frau mit dem Bestreben Instand gesetzt, den Original-Zustand des Bauwerks weitestgehend zu erhalten. Konservatorische Maßnahmen und Auswechslungen schadhafter Ziegel werden unter dem Grundsatz größtmöglicher Substanzerhaltung durchgeführt.

Ziel des nun erarbeiteten Programms ist, die Verwitterungsprozesse zu verlangsamen oder aufhalten, die Feuchteakkumulation umzukehren, d.h. das Mauerwerk austrocknen zu lassen. sowie die komplexe inhomogene Materialkonstellationen durch eine Rückführung auf die ursprüngliche Situation zu vereinfachen. Das bedeutet, die Baustoffe Lehmziegel, Kalkmörtel und Naturstein zu verwenden und nach Möglichkeit wenig Ersatzstoffe einzubauen.

Die Entfeuchtung des Mauerkerns wird nach heutigen Erkenntnissen eines der vordringlichsten Ziele bei den Anstrengungen zur Sanierung vor allem der Turmfassaden sein.

In einem ersten Ansatz für ein Sanierungskonzept sollen daher folgende Beprobungen im Bereich der Westseite des Nordturmes durchgeführt werden:

- Verspachtelung der Wasserschläge der Gesimse mit einem geeigneten Mörtel, der vor eindringendem Wasser schützt, dabei hohe Haftungseigenschaften aufweist und einen niedrigen E-Modul besitzt.

- Öffnen der schadhaften Verfugung und Austrocknung des Mauerwerks über einen längeren Zeitraum

- Verschließen der offenen Fugen mit einem Mörtel, der vor eindringendem Wasser schützt und der durch eine hohe Saugspannung (eventuell durch Fehlkorn in der Sieblinie des Zuschlags erreichbar) das Mauerwerk förmlich aussaugt. Austausch aller in der letzten Sanierungsphase erneuerten Bereiche.

- Austausch aller schädigenden Baustoffe (Zementmörtel, Ziegel, Überzüge)


Beginnende Maßnahmen:
Die Restauratoren der Fa. Steinwerkstatt erstellen in den nächsten Monaten die Bestands- und Schadenskartierung an den Fassaden des Nordturms.
An der Turmfassade werden Musterflächen angelegt, um Erfahrungswerte zur Entwicklung der Baustoffe (Fugenmörtel, Ziegelersatzstoffe, Schlämmen) zu sammeln und auswerten zu können.
Zusätzlich sollen permanente Messungen über Temperatur, Luftfeuchtigkeit sowie Feuchtigkeit in der Tiefe des Mauerwerks mittels Tiefensonden erfolgen (Messdauer zunächst 1 Jahr ).

Mit den Bauarbeiten am Nordturm (Offenlegung der Verfugung, Ausbau schadhafter Ziegel) wird voraussichtlich ab August begonnen.


Sanierung der Kirchenfenster
Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt liegt in diesem Jahr bei den Kirchenfenstern. An den Leibungen, den Rippen und am Maßwerk sind Rissbildungen und Abplatzungen, innen und außenseitig, festgestellt worden. Weiterhin sind starke Tauwasserbildung und Frosteinwirkung an den wertvollen Glasmalereien beobachtet worden.

Zur Klärung der Schadenssituation an den Kirchenfenstern wurden gutachterliche Untersuchungen durchgeführt. Das Institut für Gebäudeanalyse und Sanierungsplanung München GmbH (IGS) hat dazu zwei Problemkreise bearbeitet und Maßnahmeempfehlungen genannt, die bereits an zwei Musterfenstern ausgeführt worden sind.

Zum einen wurden die klimatischen und bauphysikalischen Verhältnisse an den Fenstern im Hinblick auf Gefährdungen der historischen Glasmalereien untersucht, zum anderen wurde die Ursache der Schäden an den Fensterleibungen, sowie an Stabwerk und Maßwerk der Lanzetten erforscht.

Die Glasmalereien sind in einem relativ guten Zustand, trotz der nach heutigen Maßstäben und Erkenntnissen ungünstigen Konstruktion des Systems Schutzverglasung / Originalverglasung.

Die Fenster wurden nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg in den Nachkriegsjahren neu eingebaut. Anstelle der ursprünglich gemauerten Fensterpfeiler wurden für die vertikalen Fensterpfeiler und das Maßwerk fehlende Ziegel und Natursteine mit Betonformteilen ersetzt. Zur Knickaussteifung der sehr schlanken Pfeiler und zur Halterung der Glasscheiben wurden horizontal Windeisen durch die Pfeiler geführt und in die Fensterleibung eingemörtelt.

Diese starre Konstruktion führt bei thermischen Formänderungen und durch Windbeanspruchung letztlich zu Rissen und Abplatzungen. Durch die Korrosion der Windeisen im Bereich der Verankerungen im Mauerwerk werden die Schäden zusätzlich verstärkt.

Das vorrangige Ziel einer künftigen Fenstersanierung ist daher, das Fenstersystem wieder bauphysikalisch und statisch in Ordnung zu bringen. Das Netz muss wieder beweglich gemacht werden, um Spannungen durch Temperaturunterschiede und Windbelastungen aufnehmen zu können.

Der Nachbau der bewährten historischen Konstruktion wird als Lösungsansatz verfolgt.

Dafür sollen dieses Jahr weitere Grundlagen ermittelt werden. Fensterbereiche, in denen noch historische Bausubstanz erhalten ist (Terrakotta-Maßwerk mit original Windstreben) müssen auf Materialzusammensetzung und Zusammenspiel untersucht werden. Die Querschnitte der historischen Quereisen werden erfasst. Zu prüfen, ob eventuell noch ein historischer Verbund zum Mauerwerk vorhanden ist. Das Fenstersystem muss statisch berechnet werden. In Zusammenarbeit mit Glasrestauratoren soll das Schadensbild der Glasmalereien ermittelt werden.
Zeitlicher Ablauf des kontinuierliches Baupflegeprogramm
 
 
 
 
2007
Schadenskartierung mit naturwissenschaftlichen Untersuchungen an einer Musterachse an der Nordseite des Kirchenschiffs
 
Okt 08 - Feb 09
Einrüstung Nordturm
 
Mär 09 - Sep 09
Schadenskartierung, Befunduntersuchungen, Abstimmung des Sanierungskonzeptes, Vorbereitung der Ausschreibung für die Restaurierung des Nordturms, Beginn der Bauarbeiten
 
2009 - 2012
Sanierung Nordturm
 
2013 - 2016
Sanierung Südturm
 
ab 2016
Sanierung des Kirchenschiffs
 
2008
Musterfester für Notsicherung der Fenster
 
2009
Notsicherung der gesamten Fenster
 
2008 - 2009
Konzeptentwicklung zur Sanierung der Fenster
 
2010
Sanierung eines Fensters
 
ab 2011
Sanierung der gesamten Fenster
Kosten des Baupflegeprogramms
Es ist vorgesehen, jährlich Restaurierungsmaßnahmen am Münchener Dom im Umfang von ca. 400.000,- bis 500.000,- € durchzuführen.

Aufgestellt, 27.03.09

Staatliches Bauamt München 1
Gabriele Spöttl
Kurt Bachmann